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Im Zuge der
Errichtung eines Mahnmals für die jüdischen Opfer des Naziregimes
in Österreich zwischen 1938 und 1945 war es 1995 notwenig geworden,
am Judenplatz, jener Stelle, wo auch bereits die spätmittelalterliche
Synagoge von Wien vermutet worden war, archäologische Ausgrabungen
durchzuführen. Während der Grabungskampagnen zwischen 1995 und
1998 wurden neben diesen spätmittelalterlichen Bauresten auch Teile
des römischen Legionslagers und Spuren der hochmittelalterlichen
Stadtverbauung aufgedeckt.
< Überblick über die Grabung, Foto Stadtarchäologie
Wien, Helgert
< Der Judenplatz nach Beendigung der Bautätigkeit
2000, Foto JMW, Votava
Neben der
genauen Lokalisierung der Synagoge inmitten der spätmittelalterlichen
Stadtverbauung war es auch das Ziel den Beginn, die Entwicklung und das
Ende des Gebäudes zu erforschen.
< Die spätmittelalterliche Judenstadt, Foto JMW,
Votava
< Modell der Synagoge nach Bauphase 2, Foto JMW, Votava
Die erste
schriftliche Erwähnung in Zusammenhang mit der Synagoge stammt aus
dem Jahr 1294, das Ende der Synagoge ist für die Zeit nach 1421,
nachdem die jüdische Gemeinde von Wien ermordet oder vertrieben worden
war, überliefert.
Während
den mehrjährigen Grabungen kam ein dreiphasiges Gebäude an das
Tageslicht, dessen Gestaltung den jeweils vorherrschenden Zeitgeist in
der Bautechnik wiederspiegeln.
<Phasenplan
Die erste
Phase steht noch in der Tradition der Romanik. Das Gebäude setzte
sich aus drei Räumen, einem zentralen Mittelraum und einem jeweils
südlich und nördlich davon angebauten Raum, zusammen.
Am besten war der Mittelraum - ein einschiffiger Saalbau - erhalten. Seine
Mauerfundamente wurden aus Bruchsteinen und römischen Ziegelfragmenten
in Fischgrättechnik (Opus spicatum) und Erdbindung errichtet.
< Die Nordmauer des Mittelraumes, Foto Stadtarchäologie
Wien, Helgert
Das aufgehende
Mauerwerk bestand ebenfalls aus Bruchsteinen und die Eckbereiche wurden
durch Lisenen hervorgehoben. Als Fussboden diente eine rosa Estrich über
einem massiven Stein-Ziegelpflaster.
Vom Nordraum waren nur noch geringe Reste, nämlich die Fundamente
der östlichen und westlichen Raummauer, feststellbar. Vom Südraum
hingegen hatten sich die Fundamentreste der Süd- wie auch der Ostmauer
und grosse Teile des Fussbodens, ebenfalls ein Estrich über einem
Steinpflaster, erhalten.
Dieses erste Gebäude stammt aufgrund der verwendeten Bautechniken
und auch einer Münze direkt unter dem Fussboden des Mittelraumes
aus der Zeit um oder knapp nach der Mitte des 13. Jahrhunderts.
< Mittelalterliche Münze (Pfennig), Foto Stadtarchäologie
Wien, Huber
Die Bezeichnung
Synagoge trifft bereits auf dieses Gebäude mit hoher Wahrscheinlichkeit
zu. Wichtige Bestandteile einer Synagoge wie Bima oder Thoraschrein konnten
zwar nicht mehr nachgewiesen werden, aber die Raumaufteilung in einen
Mittelraum, der als Männerschul, und Nebenräume, die unter anderem
als Frauenschul gedient haben dürften, weisen ebenso auf eine Nutzung
als Synagoge hin wie die Vertiefung der Räume innerhalb der übrigen
Stadtverbauung und ein durch ein gesondertes Fundament hervorgehobener
Bereich an der Ostmauer des Mittelraums - vermutlich ehemals die Stelle,
wo die Thora verwahrt wurde. Der Zugang zum Mittelraum war wahrscheinlich
über den Nordraum und das Nordwesteck des Mittelraums möglich,
der Südraum war möglicherweise die gesamte Zeit getrennt vom
Süden des Gebäudes begehbar, das Verlegungsmuster der Fliesen
aus der dritten Bauphase sowie die Interpretation als Frauenschul deuten
darauf hin.
In der zweiten
Bauphase fanden schon gotischen Bauelemente Verwendung.
So wurden - als das Gebäude vergrössert wurde - an den den Ecken
gotische Strebepfeiler errichtet. Im Inneren des Mittelraumes gliedern
Stützpfeiler eine Deckenkonstruktion, die den Raum in einen zweischiffigen
Saal unterteilt. Abgesehen von einer Vergrösserung des Mittel- und
Nordraumes waren für diese Phase auch erstmals noch Reste einer Bima
vorhanden, die anfangs im Grundriss wahrscheinlich rund, später sechseckig
war.
< Die Bima im Ausgrabungszustand, Foto Stadtarchäologie
Wien, Helgert
< Der Umriss der Bima im Pflaster neben dem Mahnmal,
Foto Stadtarchäologie Wien, Lindinger
< Computerrekonstruktion der Bima, Foto JMW, Votava
Der Zugang
erfolgte vermutlich ab dem damaligen Zeitpunkt über die Westseite
des Mittelraumes.
Erstmals wurden die Mauerfundamente aus zwei Schalen von in Lagen aufgeschichteten
und vermörtelten Bruchsteinen errichtet, der Zwischenraum wurde ebenfalls
mit Mörtel und Bruchsteinen ausgefüllt. Die Fussböden waren
Estriche über Planierschichten.
Der Wechsel in der Mauertechnik datiert diese Bauphase in die 2. Hälfte
des 13. Jahrhunderts.
Aufgrund einer eindeutig erhaltenen Bima gibt es für diese Phase
nun keine Zweifel mehr, dieses Gebäude als Synagoge zu interpretieren.
Die dritte
Bauphase stellt den Höhepunkt in Ge- und Ausgestaltung der Synagoge
dar. Zu diesem Zeitpunkt waren alle ehemaligen Aussenbereich östlich
und westlich der Synagoge in das Gebäude einbezogen worden, wodurch
eine neuerliche Vergrösserung des Mittelraumes mit etwa 19 m Länge
und 7.5 m Breite sowie einer Erweiterung nach Süden um etwa 4 m auf
etwa 150 qm erreicht wurde. Ausserdem wurde im Westen ein weiterer grosser
Raum mit den Maßen von ca. 15.5 x 6.0 m angebaut, der vermutlich
als Eingangshalle diente. Der Zugang zur Synagoge erfolgte nicht mehr
über Nord- oder Mittelraum, sondern über das Nordwesteck des
Westraumes, wo eine Treppenanlage nachweisbar war.
< Der Nordteil des Westraumes mit der Treppenanlage,
Foto Stadtarchäologie Wien, Helgert
Der Nordraum
wies inzwischen die Ausmaße von etwa 19 x 3.8 m, der Südraum
von 13.5 x 2.5 m auf. Für alle Räume ausgenommen dem Mittelraum
sind Sitzbänke nachgewiesen.
Die Fussböden wurden in Mittel-, Nord- und Südraum mit Fliesen,
die teilweise noch Reste von Glasur aufwiesen, ausgestaltet.
< Der Fliesenboden
des Südraumes nach Bauphase S3, Foto Stadtarchäologie Wien,
Helgert
< Detail
der Fliesen mit Glasurresten, Foto Stadtarchäologie Wien, Helgert
Auch vom
Aussehen des Inneren des Mittelraumes in dieser Phase haben wir infolge
der grossen Schuttschicht, die durch die Schleifung der Synagoge entstand,
eine Vorstellung.
Die grün- und gelbglasierten Fliesenböden und der teilweise
rote Innenverputz und rot bemalte Architekturteile gaben dem Raum ein
farbenprächitges Aussehen.
< Architekturfragment (Säulenfragment), Foto Stadtarchäologie
Wien, Huber
Die Mauerstruktur
der Westmauer des Westraumes, die Errichtung von Sitzbänken und die
verwendeten Fliesen ermöglichen eine Datierung der Baumaßnahmen
allgemein in das 14. Jahrhundert.
Infolge wenigstens
mehrerer kleinflächiger Brände - von einer in den Schriftquellen
angesprochenen Brandkatastrophe im Jahr 1406 kann nicht gesprochen werden
- kam es offensichtlich noch knapp vor der gewaltsamen Zerstörung
zu neuerlichen Baumaßnahmen, die jedoch nicht mehr zu Ende geführt
werden konnten. Die Mauern wurden beim Abriss der Synagoge teilweise bis
auf die untersten Fundamentlagen abgetragen, besonders dort, wo die Steine
nicht vermörtelt waren, und zahlreiche Gruben wurden, teils zur Plünderung
des Bodens, teils um den anfallenden Schutt zu deponieren, angelegt. Die
Funde aus dieser Schicht, großteils Keramik, aber auch Glas und
Metallobjekte wie Münzen können das Ende der Synagoge bislang
nur ungenauer datieren als es die schriftlichen Quellen tun.
< Mittelalterliches Gefäss (Mündelbecher),
Foto Stadtarchäologie Wien, Huber
Daraus geht
hervor, daß die Synagoge 1420-1422 noch stand. Der endgültige
Abbruch der Synagoge ist erst ab 1420 belegt. In diesem Jahr wurde über
die Verwendung ihrer Steine entschieden, die dann systematisch abgebaut
und verwertet wurden. Dannach kam es zur Schaffung eines neuen Platzes,
eine Maßnahme, die 1423 erstmals faßbar ist, die aber durchaus
schon zuvor begonnen und auch darüber hinaus angedauert haben kann.
(I.
Lindinger-Bauer, Stadtarchaeologie Wien)
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