Die Römerzeit in Wien
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Legionslager Vindobona


In den antiken Quellen findet Vindobona erstmals in der Geographie des Ptolemaios Erwähnung. Weiters namentlich belegt mit unterschiedlicher Schreibweise ist Vindobona in der Tabula Peutingeriana, im Itinerarium Antonini, in der Notitia Dignitatum sowie bei Jordanes. In augusteischer Zeit gehörte Vindobona wie auch das benachbarte Carnuntum noch dem keltischen Klientelkönigreich Noricum im Gebiet der keltischen Boier an. Mit der Einrichtung der Provinzen Noricum und Pannonien, die spätestens in claudischer Zeit abgeschlossen war, gehören Vindobona und Carnuntum allerdings Pannonien an und nach der Teilung der Provinz in traianischer Zeit der Provinz Pannonia Superior. Nach den diokletianischen Verwaltungsreformen kam es zu einer weiteren Teilung der Provinz. Nunmehr ist Vindobona auf dem Gebiet der Pannonia I zu lokalisieren und militärisch dem dux von Pannonia I und Noricum ripense unterstellt. Der Kernbereich des römischen Wien, also das Gebiet des Legionslagers und die canabae legionis liegt im heutigen ersten Wiener Gemeindebezirk, südlich des heutigen Donaukanals, dessen Verlauf in etwa dem südlichsten schiffbaren Altarm der Donau vor ihrer Regulierung Mitte des 19. Jahrhunderts entspricht. Hier erhebt sich geologisch gesehen ein Lößsockel, der für eine Besiedlung ein äußerst günstig gelegenes Plateau bildet.

Frühe römische Siedlungsspuren
Das Grabsteinfragment des Soldaten C. Atius der legio XV Apollinaris, das in der Nähe des Stephansdomes, im Bereich der Häuser Stephansplatz 8 bzw. 8a gefunden wurde, ist für die Geschichte des frühen Vindobona von eminenter Bedeutung. Dieser Soldat ist während seiner Dienstzeit in spätaugusteischer bzw. in tiberischer Zeit in Vindobona verstorben, was als Indiz für eine zumindest kurzfristige Stationierung der 15. Legion in Vindobona in vorclaudischer Zeit zu werten ist, also noch bevor die 15. Legion ihr schon lange bekanntes Standlager in Carnuntum bezog. Bisher konnte in der Forschung der vorclaudische Stationierungsort der Legion nicht lokalisiert werden.

Gewisse Datierungskriterien für diesen Grabstein - rahmenlose Stele, fehlendes cognomen, Apollinaris, annorum und stipendiorum ausgeschrieben - bieten die Möglichkeit, die Stele des C. Atius in die Jahrzehnte der spätaugusteischen und der gesamten tiberischen Epoche einzuordnen. In Zahlen ausgedrückt, ist wohl der frühest mögliche Zeitpunkt der Errichtung der Stele der an der Donau abgebrochene Feldzug des Tiberius gegen Marbod im Jahre 6 n. Chr. und der späteste Zeitpunkt wohl vor 41 n. Chr., der Beginn der Regierungszeit des Claudius, als beinahe alle Grabinschriften von Legionssoldaten formelhaft mit abgekürzten Wendungen auskommen.

Frühe Funde und Holzstrukturen in Wien

An mehreren Grabungsplätzen der Wiener Innenstadt sind im gewachsenen Lössboden innerhalb bzw. unterhalb einer sterilen Vegetationsschicht Reste von Holzstrukturen festgestellt worden, die, zumindest bei den stratigraphisch schon ausgewerteten Kampagnen, eindeutig vor die Errichtungszeit des domitianischen Lagers der 13. Legion zu setzen sind. Es handelt sich dabei um dunkel verfärbte Pfostenlöcher innerhalb von Pfostengruben sowie max. 30 cm breite Holzbalkengräbchen, zum Teil mit gelben Lehmresten darauf, die auf Lehmziegelbauweise schließen lassen. Bisher konnte allerdings kein Fundmaterial diesen Strukturen zugewiesen werden. Die in Arbeit befindliche Analyse des gesamten innerstädtischen Fundmaterials zeigt aber erste Hinweise darauf, dass der Grabstein des C. Atius nicht der einzige Beleg für eine vorclaudische Besiedlung von Wien darstellt. Eine Verbreitungskarte dieser Befunde und Funde zeigt, dass sich dieser frühe Siedlungsraum ungefähr mit dem gesamten Bereich des späteren Legionslagers und den canabae legionis deckt.

Betrachtet man die historischen Entwicklungen von der augusteischen bis zur flavischen Zeit, die zur Entstehung des Rhein-Donaulimes führten, so sind eine Reihe von Schlussfolgerungen bezüglich der Chronologie des frühen Wien möglich.
Über die römische Okkupationsphase zur Zeit des Augustus gab es in den letzten Jahren vor allem in Bezug zu den rechts- und linksrheinischen Militärlagern zahlreiche neue Erkenntnisse, die auch zum Verständnis der militärischen Situation an der Donau im Bereich von Vindobona, Carnuntum und Scarbantia einen wichtigen Beitrag leisteten. So konnte nachgewiesen werden, dass vor der für die römischen Legionen unter Varus verheerenden Schlacht im Teutoburger Wald, 9 n. Chr., die Römer auf dem besten Weg waren, neben der Errichtung zahlreicher militärischer Stützpunkte, wie zum Beispiel Haltern, Anreppen und Marktbreit, auch "zivile" Stadtgründungen östlich des Rheins durchzuführen, d. h. eine neue Provinz zu organisieren. Dies konnte durch die Ausgrabungen in Waldgirmes vortrefflich belegt werden. Das bedeutet, dass noch bevor Provinzen eingerichtet waren, die Römer neben Militäranlagen auch zivile Zentren nach dem Muster römischer Städte so genannte oppida bzw. Handelsemporien in nicht romanisierten Gebieten entlang von Verkehrswegen bzw. Flussläufen anlegten, um so ihren Machtanspruch von vornherein deutlich zu machen. In dieser Phase der Okkupation spielten die großen Ströme noch kaum eine strategische Rolle. Genauso war in spätaugusteisch - tiberischer Zeit im pannonischen Raum die Donau noch keine fixe Grenze - militärisch zu sichern war die von Aquileia - Emona - Poetovio - Savaria und Scarbantia über die Donau nach Norden führende Bernsteinstraße, an ihr wurden Militäranlagen, Nachschublager und zivile Siedlungen als Handelsstützpunkte gegründet. So konnte auch weit jenseits der späteren Donaugrenze, in Mušov an der Thaya, ein frühkaiserzeitliches Lager festgestellt werden. Ein weiteres dieser frühesten Militäranlagen dürfte ein Holz-Erde-Lager von höchstwahrscheinlich unregelmäßigem Grundriss in Vindobona gewesen sein. Das von Vindobona aus nächste große zivile Verwaltungs- und Handelszentrum ist in Scarbantia zu suchen. Hier entstand - mitten im keltischen Boiergebiet - ein römisches Emporion (als oppidum bezeichnet) mit allen infrastrukturellen Einrichtungen und es siedelten sich dort Händler und Kaufleute sowie die Veteranen der wohl noch in Vindobona stationierten 15. Legion an. Im Gegensatz zum rechtsrheinischen Gebiet ging diese Okkupationsstrategie der Römer im nordpannonischen Raum auf und bis in die flavische Zeit konnte der römische Einfluss bis zur Donau ausgedehnt und durch vier Legionen gesichert werden.

Truppengeschichte
Abgesehen von der in Zukunft noch besser zu untermauernden Stationierungsphase der legio XV Apollinaris in Vindobona sind die Truppenstationierungen von Vindobona ab domitianischer Zeit einigermaßen gut belegbar. Die Quellen dazu liefern, einerseits die Steindenkmäler, also die Grabsteine der Soldaten, Baumaßnahmen im Lager, die durch Bauinschriften dokumentiert sind sowie die Weihungen der Truppenangehörigen. Andererseits ein Material von über 3000 gestempelten Ziegeln, die in der überwiegenden Mehrzahl Stempel der in Wien stationierten Legionen tragen. Es wird dabei angenommen, dass die Produktionsstätte dieser Legionsziegel etwa 3 km westlich des Legionslagers, im heutigen 17. Wiener Gemeindebezirk, zu lokalisieren ist, da dort bei allen Ausgrabungen der letzten 100 Jahre, Ziegelöfen und reichhaltiges Ziegelmaterial der Legionen zutage kam. Ein Projekt der Stadtarchäologie Wien gemeinsam mit der Akademie der Wissenschaften in Wien soll nun mit Hilfe archäometrischer Analysen nicht nur klären, ob die Ziegel aus dem Legionslager tatsächlich von dieser Produktionsstätte kommen, sondern letztendlich auch die Frage der Ziegellieferungen zwischen Carnuntum und Vindobona und darüber hinaus und ob auch andere Produktionsstätten im oberpannonischen Raum ausfindig zu machen sind.
In Wien sind nicht nur Legionen, sondern auch mindestens eine Hilfstruppe nachzuweisen. Von domitianischer Zeit bis zu den Dakerkriegen Traians ist gemeinsam mit der 13. Legion die ala I Augusta Britannica milliaria civium Romanorum durch drei Grabsteine ihrer Soldaten belegt, deren Lager allerdings bis heute archäologisch nicht identifiziert werden konnte. Es muss sich ebenfalls im Bereich der heutigen Inneren Stadt befunden haben, da es wohl nicht allzu weit von der Fundstelle der Grabsteine nahe der Limesstraße, im Bereich der Stallburg, zu lokalisieren ist. Ziegelstempel von Hilfstruppen sind allerdings nur von der im 2. Jahrhundert in Carnuntum nachgewiesenen ala I Thracum und der im donauaufwärts in Klosterneuburg stationierenden cohors I Aelia sagittariorum in Wien gefunden worden. Barnabas Lörincz nimmt in seinem neuesten Buch zu den Hilfstruppen Pannoniens nach Interpretation eines Militärdiploms aus dem Jahre 112 eine Stationierung der ala I Batavorum als Nachfolgetruppe der ala I Britannica bis ca. 118/119 in Vindobona an.
Anders sieht es mit Nachweisen für die das domitianische Legionslager bauende legio XIII gemina aus. Die Legion kam höchstwahrscheinlich im Zuge der Germanenkriege des Domitian in den Jahren 89 bis 92 von Poetovio an die Donau. Sie hinterließ hunderte gestempelte Ziegel sowie Bauinschriften ihrer Zenturien, allerdings konnte bisher noch kein Grabstein eines Angehörigen der 13. Legion gefunden werden. Die Legion dürfte die Hauptgebäude des Lagers (principia, praetorium, Türme) und die Lagermauer schon in Steinbauweise errichtet haben, wobei die Grabungen am Judenplatz bewiesen, das die Mannschaftsunterkünfte noch aus Holz waren. Das Kanalsystem im gesamten Lagerbereich, vor allem entlang der Lagerhauptstraßen und der via sagularis ist beinahe ausschließlich aus gestempelten tegulae der 13. Legion als Kanalsohle errichtet worden. Die 13. Legion wird von Traian 101 n. Chr. für die Dakerkriege abkommandiert und für etwas mehr als ein Jahrzehnt durch die legio XIIII gemina martia victrix ersetzt. Wie die 13. ist die Anwesenheit der 14. Legion durch Bauinschriften, zusätzlich durch Weihealtäre und für die Kürze ihres Aufenthaltes durch überraschend zahlreiche gestempelte Ziegel belegt, allerdings könnten diese auch mit Lieferungen aus Carnuntum in Zusammenhang gebracht werden, da die Legion ab 114 n. Chr. bis ins 5. Jh. in Carnuntum stationiert war. Diese Rolle fiel in Vindobona der legio X gemina zu, die wohl 114 n. Chr. von Aquincum nach Vindobona verlegt wurde. Sie ist nicht nur inschriftlich durch eine Reihe von Soldaten- und Veteranengrabsteine, Weihungen und Ziegelstempel und durch die Erwähnung in der notitia dignitatum fassbar, sondern auch durch ihr Wappentier, dem Stier, auf einem Relief, das höchstwahrscheinlich als Metope an der porta principalis dextra angebracht war.
Auch Flottensoldaten der classis Pannonica sind in Vindobona durch die strategisch wichtige Lage an der Donau anzunehmen, beweisbar ist allerdings nur ein Flottenstützpunkt der classis Histrica in spätrömischer Zeit durch die Erwähnung in der notitia dignitatum.


Topographie

Befestigungsanlagen

Die Konturen des Legionslagers zeichnen sich noch im heutigen Stadtbild ab. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die Babenberger im Mittelalter die römische Lagermauer wieder instand setzten und bis zum Ende des 12. Jahrhunderts als Stadtmauer des frühen Wien weiter nutzten. In der Folge änderten sich offensichtlich die Parzellenstrukturen nicht wesentlich, sodass der heute noch "Graben" genannte Straßenzug dem Verlauf des südöstlichen Legionslagergrabens bzw. des mittelalterlichen Stadtgrabens entspricht, der beim U-Bau in den 1970er Jahren untersucht werden konnte. In diesem Zusammenhang ist es wichtig anzumerken, dass im Zuge der Stadterweiterung um 1200, die mit dem Lösegeld für den gefangenen Richard Löwenherz finanziert wurde, die babenbergische Stadtmauer, die in ihrer Substanz der spätrömischen Lagermauer entsprach, geschliffen wurde und das Steinmaterial, das auch aus zahlreichen mittelkaiserzeitlichen Spolien bestand, zur Verfüllung des Stadtgrabens verwendet wurde.
Dort wo der südwestliche Eckturm des Lagers vermutet wird, biegt die Häuserfront der Naglergasse, die, wie durch Grabungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestätigt werden konnte, auf den römischen Lagermauerfundamenten aufgebaut war, Richtung Norden in Form einer stark gebogenen Fassade ab. In den Seitengässchen südlich der Naglergasse ist auch heute noch das Grabensystem im Gelände erkennbar. Der heute so genannte Tiefe Graben bildete in der Römerzeit den westlichen Abschluss der Lagerbefestigung, wobei angenommen wird, dass dieser Graben einem natürlichen Bachbett entsprach, das noch bis in die Neuzeit als der so genannte Ottakringer Bach bestanden hat. Noch nicht restlos geklärt ist die Frage, ob jener, heute nicht mehr existente, allerdings bis in die Neuzeit östlich am Lager vorbeifließende Bach, die damals so genannte Möhrung, einem schon in der Römerzeit künstlich angelegten Abwasserkanal entsprach, oder ob es sich auch hier um einen natürlichen Bachverlauf handelte.
Die Nordfront zeigt einen für mittelkaiserzeitliche Lagergrundrisse äußerst ungewöhnlichen schrägen Verlauf entlang der Abbruchkante des Lagerplateaus zum Donaubett. Schon aus theoretischen Überlegungen ist zu vermuten, dass das ursprüngliche, in domitianischer Zeit errichtete Legionslager einen rechteckigen Grundriss gehabt haben musste. So wäre die Fläche der principia im Verhältnis zur Gesamtfläche des Lagers prozentuell mit Abstand die größte am gesamten Limes. Zudem wäre die Gesamtzahl von 4-6000 Soldaten in einem in dieser Form konstruierten Lager nicht unterzubringen. Diesen theoretischen konnten durch geologische Untersuchungen neue weitere Argumente hinzugefügt werden. So ist aus den Bohrprofilen entlang der Gonzagagasse, die sich in einem rechteckig konstruierten Lager mit dem ungefähren Verlauf der nördlichen Lagermauer decken würde, eine tektonische Störung herauszulesen, die als gewaltige Hangrutschung in historischer Zeit zu interpretierten ist. Bestimmte Bohrprofile zeigen zudem noch weit unterhalb der Ablagerungen und Schwemmschichen der Donau offensichtlich Mauerzüge, Schuttschichten mit Stein-, Ziegel- und Keramikmaterial und nicht zuletzt in bis zu 12 m Tiefe bestens erhaltene Palisadenhölzer. Es gibt einige Gründe anzunehmen, dass diese Hangrutschung ein Ereignis war, das noch während der römischen Epoche stattgefunden hatte. Dies beweist römisches Quadermauerwerk von offensichtlich turmartigen Grundriss im westlichen und östlichen Bereich des heute vorhandenen Nordabbruches und zwar nicht auf dem Plateau des Lagers, sondern am Fuß des Plateaus, das unter Umständen mit Hafenanlagen, wie sie auch von anderen pannonischen Schiffsländen bekannt sind, in Verbindung gebracht werden können. Vielleicht passt dazu auch ein Altar für den Flussgott Acaunos, dem heutigen Wienfluß, der östlich der canabae legionis in die Donau floss, in dessen Inschrift die Regulierung des Flusses dokumentiert ist. Die Weihung, die in die Mitte des 3. Jahrhunderts datiert, nahmen zudem die höchsten Legionskommandanten vor. Die Regulierung wird wohl in Folge von Überschwemmungen notwendig geworden sein. Für das spätrömische Lager mit der geringeren Truppenstärke war in der Folge eine Fläche der früheren Dimension nicht mehr notwendig und man begann das Lager den natürlichen Gegebenheiten anzupassen, indem, wie heute zum Teil noch nachweisbar, Stützmauern entlang der Nord- und Ostfront errichtet wurden, um weitere Hangrutschungen zu verhindern. Auch diese Mauern sind von den Babenbergern im Mittelalter wieder adaptiert worden.
Es konnte durch die Aufarbeitung der principia und den Grabungen am Judenplatz nachgewiesen werden, dass in spätrömischer Zeit das Lager zwar neu errichtet wurde, allerdings besser erhaltene Teile der früheren Befestigungsanlagen und Innenbauten adaptiert wurden. Die 1900 bzw. 1903 aufgedeckte porta principalis sinistra am Tiefen Graben ist dafür ein gutes Beispiel. Ihr Grundriss entspricht den Tortürmen spätflavischer Legionslager, wie Novaesium und Eburacum. Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass dieser Torturm in spätrömischer Zeit nicht mehr in Verwendung gestanden hat, zumindest der quadratische Grundriss blieb erhalten. Erst jüngst konnte durch die Befundaufnahme der Altgrabungen innerhalb des Legionslagers auch die porta principalis dextra sozusagen im Plan wiederentdeckt werden. Friedrich von Kenner erwähnt in seinem archäologischen Beitrag zur Geschichte der Stadt Wien aus dem Jahre 1897 in einer Fußnote vier parallele Steinmauern in der Kramergasse, also im Bereich der östlichen Lagerumwehrung, die er ins Mittelalter datierte, wodurch sie bei den ihm nachfolgenden Forschern in Vergessenheit gerieten. Spiegelt man allerdings den Grundriss der porta sinistra am Tiefen Graben an der via praetoria, so decken sich diese 1843 aufgefundenen vier parallelen Mauern relativ genau mit dem gespiegelten Torturm. Da auch Mauerbreiten und -längen sowie die Abstände zwischen den Mauern identisch sind, ist eine Interpretation der Befunde als Fundamente der porta principalis dextra wohl offensichtlich.

Innenbauten

Eine grobe Einteilung der Innenbebauung des Lagers ist schon durch die bei verschiedenen Grabungen aufgedeckten Straßenkörper möglich. So wurden zahlreiche Abschnitte der von Portiken gesäumten via principalis dokumentiert, dagegen ist die via praetoria in ihrer ganzen Breite nur bei einer Kanalgrabung aus dem Jahre 1951 ergraben worden. Sehr gut dokumentiert ist auch die via sagularis und ihr Kanalsystem, aber auch Befunde von Nebenstraßen können jetzt durch die Grabungen am Judenplatz vorgelegt werden. In den letzten Jahren war durch Verbindung der neueren Grabungsergebnisse mit gleichzeitiger Aufarbeitung der Altgrabungen eine bessere Lokalisierung bestimmter Gebäudekomplexe im Legionslager möglich. So konnten die genaue Lage und die Grundrisse der principia und des praetoriums erfasst, das Fundmaterial zugewiesen, Bauphasenabfolgen ermittelt, und schließlich, im beschränktem Maße, Rekonstruktionen vorgenommen werden.
Schon lange identifiziert, wobei allerdings ihre genaue Ausdehnung noch nicht vollständig geklärt werden kann, sind das scamnum tribunorum - die Tribunenhäuser nördlich der via principalis - und die Lagerthermen. Dabei spielten vor allem die Grabungen am und um den heutigen Hohen Markt in den 1950er und 1960er Jahren eine entscheidende Rolle. So sind beim Abriss des sogenannten Berghofes, eines der ersten mittelalterlichen Zentren von Wien, gewaltige römische Mauerstrukturen, dazu Apsidenräume und Hypokaustanlagen zutage gekommen, die keinen Zweifel daran ließen, dass hier die großen Thermen des Lagers zu lokalisieren sind. Heute noch am Hohen Markt in einem Schauraum sichtbar gemacht sind die Überreste von zwei aneinandergrenzenden Tribunenhäusern mit Peristylhof.

Durch die Grabungen am Wildpretmarkt in 1980er Jahren konnte O. Harl die Kasernen der 1. Kohorte identifizieren und ebenfalls in Kombination mit Altgrabungen Grundrissrekonstruktionen vornehmen. In diesem Zusammenhang ist festzuhalten, dass die Kasernen der 1. Kohorte im Gegensatz zu den übrigen Mannschaftsunterkünften schon in ihrer ersten Phase, beim Bau des Legionslagers durch die 13. Legion, wie die Hauptgebäude des Lagers, in Steinbauweise errichtet wurden. Anders zeigt sich die Situation am Judenplatz in der westlichen retentura des Lagers: Bis in die zweite Hälfte des 2. Jahrhunderts sind die Außenwände der Mannschaftsbarracken aus Lehmziegeln gemauert. Die Grabung war eine der ganz seltenen in Wien, die eine detaillierte Dokumentation nicht nur des Grundrisses und der Phasenabfolge, sondern auch der infrastrukturellen Einrichtungen, wie Backöfen, Herdstellen, Heizanlagen, aber auch von Werkstattbereichen ermöglichte. In den Steinbauphasen ab der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts sind meist nur die tragenden Mauern aus Stein, die Mauern innerhalb bzw. zwischen den contubernien sind weiterhin meist mit Lehmziegeln gebaut.
Auch am Judenplatz können wir für das 4. Jahrhundert fundamentale Umstrukturierungen bei den Kasernenbauten feststellen. Zwar wird besser erhaltenes Mauerwerk adaptiert, die Grundrisse der Baracken ändern sich aber wesentlich. Neue Zwischenmauern werden eingezogen und zusätzliche Räume geschaffen. Die Steinmauern und die Fundamentierungen enthalten jetzt Stein- und Ziegelmaterial. Hatten in der Mittelkaiserzeit die Lehmziegelmauern meist Fundamente aus Stein, so sind in spätrömischer Zeit Lehmmauern meist mit einer Lage aus mittelkaiserzeitlichen Dachziegeln fundamentiert. Die Befunde am Judenplatz scheinen den Schluss nahe zu legen, dass gerade in spätrömischer Zeit Baumaßnahmen oft überhastet und mit einfachsten Mitteln vorgenommen wurden. Vor allem vor Ort angetroffenes Baumaterial der früheren Epochen ist bevorzugt wiederverwendet worden. Die Funktion dieser Bauten im 4 und 5. Jahrhundert ist nicht wirklich eindeutig zu klären. Nicht nur durch die Forschungen in den canabae bzw. in den Gräberfeldern von Vindobona gibt es klare Indizien, dass ab dem 4. Jahrhundert ein gewisser Raum innerhalb der Lagerumwehrung für die Zivilbevölkerung zur Verfügung gestellt wurde, was auch die Reduktion der Truppenstärke der Legion möglich machte. Am Judenplatz ist zwar weiterhin die typisch militärische Kasernenbauweise feststellbar, allerdings deutet einiges darauf hin, dass die contubernien weniger zur Unterbringung von Soldaten, als zur Einrichtung von Werkstätten eingerichtet wurden. Dies zeigt auch ein Mühlstein, der in einem Keller eines neuzeitlichen Hauses aus dem Bereich der östlichen Lagermauer gefunden wurde. Wie vieles andere zeigt dieser Stein den gesellschaftlichen Wandel und die Art und Weise wie mit der materiellen Hinterlassenschaft der frühen und mittleren Kaiserzeit umgegangen wurde. Eine große Inschrifttafel vom Grabmonument eines Lagerpräfekten der legio X gemina vom Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. ist mit einiger Wahrscheinlichkeit noch in spätrömischer Zeit zu einem Mühlstein für eine Werkstatt innerhalb der Lagerumwehrung verarbeitet worden. Andere Grabsteine sowie verschiedene Reliefsteine und zahlreiche sonstige Architekturteile aus dem 1. bis zum beginnenden 3. Jahrhundert kamen wiederum als günstig zu adaptierendes Baumaterial zur Restaurierung nach den Wirren bzw. einer möglichen Naturkatastrophe der 2. Hälfte des 3. Jahrhunderts in die neu zu restaurierende spätrömische Lagermauer. Diese Baumaßnahmen sind an allen Stellen des Lagers greifbar zu machen, wie zum Beispiel mit der Steinpflasterung des Innenhofes der principia. Die letzte Umbauphase im Lager Vindobona vollzieht sich mit einschneidenden Maßnahmen in der 1. Hälfte des 5. Jahrhunderts. Gebäude aus Stein ohne Mörtelbindung mit wenig qualitätsvollen Mörtelfußböden setzen sich über die Parzellengliederungen, die zum Teil bis ins 4. Jahrhundert bestehen blieben, endgültig hinweg und sind nicht mehr nach den Lagerachsen orientiert. Hier zeichnet sich eine Besiedlung ab, die nichts mehr mit dem vorangegangenen römisch-militärischen Kontext zu tun hat. Wer die Bewohner dieser Siedlung sind, welche Funktion sie inne hatten, und ob sie noch mit der Verlegung des Flottenstützpunktes der classis Histrica von Carnuntum nach Vindobona in Verbindung gebracht werden können, wird noch zu klären sein.

(M. Mosser, Stadtarchaeologie Wien)